Prosa

Der Aar

Kaum kann ich es glauben, dass diese Geschichte schon über 60 Jahre her ist. Ich war damals sechzehn und in einen Osttiroler Musikstudenten verliebt. Wir schrieben einander aus den Ferien.

Mein Verhältnis zur Sprache ist schon immer sehr sensibel gewesen; er war da nicht so kleinlich und sah überhaupt keine Veranlassung, auch nur ein einziges Klischee auszulassen. Das irritierte meine Gefühle erheblich.

Eines Tages erfuhr ich, er habe beim Bergsteigen Folgendes erlebt: "Und als ich aufblickte, schwebte über mir majestätisch ein Aar." Das war zu viel für mich. Meine Liebe knipste aus wie ein Feuerzeug.

Im Sommer darauf war ich in Osttirol wandern, und als ich während einer Rast aufschaute ... erraten! Er schwebte wirklich, ohne einen einzigen Flügelschlag.

"He! Bist du der Aar?", rief ich hinauf. Und - ich weiß wirklich nicht, wie er das gemacht haben soll, aber mir kam vor, er grinste.

15. März 1938

Am 15. März 1938 bin ich zum Bachlschuster gegangen. Meine Mutter sah es nicht gern.

"Der mit seinem dreckigen Kaftan!", sagte sie. "Bestimmt hat er Wanzen."

Aber die Wanzen interessierten mich nicht. Wanzen waren mir nur ein Wort. Für mich hatte der Bachlschuster anderes bereit: einen Stuhl mit einer dünnen Holzplatte, eine Handvoll Schusternägel und einen Hufeisenmagneten. Ich schüttete die Nägel auf den Stuhl. Der Bachlschuster machte ein geheimnisvolles Gesicht.

"Abrakadabra", flüsterte er, flügelte mit einem schwarzen Kaftanärmel über die Nägel, zog mit der anderen Hand den Magneten unter dem Stuhl durch und ließ die Nägel tanzen.

Der Bachlschuster war für mich gewaltig wie Gott. Ein Mann, der Nägel tanzen lässt! Sooft ich meine Mutter beschäftigt wusste, war ich schon bei ihm im dunklen Schusterladen.

Auch am 15. März 1938 bin ich zum Bachlschuster gegangen.

Ich habe ihm etwas mitgebracht: eines von den wunderschönen Papierfähnchen, mit denen wir den vielen fremden Fahrzeugen gewinkt haben. Ich muss mich über den Bachlschuster ein bisschen ärgern: Er legt das Fähnchen zerstreut auf die Bank und tut nichts dergleichen.

"Lässt du die Nägel nicht tanzen?", frage ich vorwurfsvoll. "Ich hab dir doch die Fahne mitgebracht - weil du keine hast, ich hab nirgends eine gesehen."

"Setz dich", sagt der Bachlschuster.

Ich bekomme Angst. Was habe ich angestellt? Er ist ganz anders als sonst.

"Du musst es jetzt selber lernen", sagt der Bachlschuster.

"Das Nägeltanzen?"

"Ja."

Mir kommen die Tränen. Nie würde ich es lernen. Wie könnte ich zaubern? Habe ich einen Kaftan, glühschwarze Augen, einen langen, schwarzen Bart?

"Heul nicht!", sagt der Bachlschuster. Und dann erklärt er mir den Magnetismus.

Ich bin böse und beleidigt und zittere vor Enttäuschung. Nicht weil er mich beschwindelt hat und es gar kein Zauber ist – nein, weil er mich unbedingt aufklären will! Warum können wir nicht bei unserem Spiel bleiben?

"Das geht nicht", sagt der Bachlschuster, "du musst es jetzt allein machen. Ich geh fort."

"Weit fort?"

"Sehr weit."

"Wann kommst du wieder?"

"Wenn die Fahne nicht mehr da ist."

Verblüfft schaue ich die Fahne an. Der spinnt! Die schöne Fahne, rot und weiß und schwarz. Aber ich will mit ihm nicht mehr über die Fahne reden. Er hat was gegen sie. Dann eben nicht. Meine Mutter will sowieso nicht, dass ich beim Bachlschuster bin. Trotzig gehe ich zur Tür.

"Nimm die Nägel mit", sagt der Bachlschuster und füllt sie in eine leere Schuhpastadose, "und den Magneten."

"Brauchst du ihn nicht mehr?"

"Nein."

"Nie mehr?"

"Nie mehr."

Auf einmal weiß ich, dass der Bachlschuster nicht zerstreut ist, sondern traurig. Es ist mir peinlich.

"Leb wohl", sage ich und öffne die Tür, "und komm bald wieder!"

"Glaub nicht alles", sagt er und läuft plötzlich hinter mir her. "Es gibt keine Zauberer. Lass dir nichts einreden!"

Ich verstehe nicht, was er von mir will. Zuerst kränkt er mich, und jetzt ist er so komisch. Rasch verdrücke ich mich.

Die Nägel und den Magneten verstecke ich hinter den Sträuchern im Hof.

Irgendwer muss mich dabei beobachtet haben. Nach dem Nachtmahl waren sie nicht mehr dort. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

Den Bachlschuster auch nicht.

 Aus: Berta Pichl - eine Frau zwischen den Zeiten

 (Als Abgeordnete zum Bundesrat 1920 - 1934)
... Auf dem Reichsparteitag im Juni 1921 meldete sie sich als eine von sieben weiblichen (der insgesamt 28) Wiener Delegierten zu Wort. Auch 1926, 1928, 1931, 1932 und 1933 war sie wieder Delegierte der CSP Wien und stellte eine Reihe von Anträgen. Während diese sich in den frühen Jahren vor allem mit dem Thema „Schmutz und Schund“ befassten, war das 1932 und 1933 anders: Die CSP hatte bei den Wiener Gemeinderatswahlen eine dramatische Nie­derlage erlitten. Alma Motzko und Pichl beteiligten sich als einzige Frauen an der Debatte darüber und geißelten in scharfen Worten die Bürgerferne der Partei. ...

1930 forderte Pichl im Namen der KFO eine christlichsoziale Kandidatin an wählbarer Stelle für die bevorstehenden Nationalratswahlen, nachdem seit 1927 keine weibliche Abgeordnete mehr dem Nationalrat angehört hatte. Sie vertrat zusammen mit Emma Kapral nicht nur den Protest des Reichsverbands der katholischen Mädchenvereine und der KFO gegen die Mängel des 1933 eingerichteten Freiwilligen Arbeitsdienstes für Mädchen, sondern arbeitete auch einen Forderungskatalog mit Verbesserungsvorschlägen aus. ...

(Als Direktorin der Sozialen Frauenschule der Caritas 1923 - 1956)

Pichl reorganisierte den Lehrplan zu einem eher theoretisch-allgemeinbildenden ersten und einem eher praxisorientierten zweiten Jahrgang. Der Lehrplan war flexibel und gestattete Anpassungen an neue Erfordernisse ebenso wie den Einbau von neuen Erkenntnissen. Sie selber unterrichtete damals folgende Fächer: Berufslehre, Berufsethik, Geschichte, Vater­landskunde, Technik der Vereinsarbeit und Pflege guter Umgangsformen und hielt bis zu 10 Wochenstunden.

Sie hatte zu dieser Zeit Schülerinnen aus dem ehemaligen Adel in ihren Klassen; das Niveau dieser gebildeten Mädchen versuchte sie zum Schulstandard zu erheben. Trotzdem musste sie viel mehr als Ilse von Arlt um Bekanntheit und Anerkennung kämpfen: Arlt genoss da den Vorteil ihrer Herkunft aus höheren Kreisen.

Pichl korrespondierte mit maßgebenden Persönlichkeiten, vor allem in den ehemaligen Kron­ländern, um die Ausbildung dort publik zu machen. An ihrer Schule fanden sich junge Frauen aus Schlesien, Südtirol, Rumänien, der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und dem späteren Jugoslawien ein. Ihr war aber bewusst, dass die Ausbildung letztlich dezentral aufgebaut sein musste, und sie regte daher den Aufbau ähnlicher Schulen in diesen Ländern an. Pichl erwies sich bereits damals als Netzwerkerin, bestrebt, überall Stützpunkte aufzubauen, die unter­einander Kontakt hielten. ...

Im Jahr 1938 wurde die Soziale Frauenschule, wie auch die Arlt-Schule und andere Privat­schulen, von den Nationalsozialisten geschlossen, nachdem ihr das Öffentlichkeitsrecht aber­kannt und das Schulvermögen eingezogen worden war. ...

Am 23. 8. 1944 wurde Pichl im Zuge einer Ver­haftungsaktion nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli als amtsbekannte politische Gegnerin von der Gestapo Wien erkennungsdienstlich erfasst, je­doch nach drei Tagen im Polizeigefängnis wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes wieder entlassen. ...

Mit dem ersten Nachkriegsjahrgang trat Pichl im Herbst 1945 ihr Amt als Leiterin der Sozia­len Frauenschule wieder an, offiziell wurde sie jedoch erst mit 7. Dezember in Dienst genom­men. Ihre volle Rehabilitierung war erst Ende 1947 abgeschlossen, sie erhielt 1948 den Opferausweis Nr. 4440. ...

Wie erwähnt, bildete die Soziale Frauenschule seit 1927 Seelsorgehelferinnen nach einem Konzept aus, das Pichl in Zusammenarbeit mit Domkurat Leopold Engelhart entworfen hatte. Grundlage war die Fürsorgerinnenschule, angereichert mit kirchlichen Fächern, ihr folgten ein Trimester Spezialkurse und ein zweimonatiges Praktikum. Pichl drang darauf, nicht nur die Ausbildung, sondern auch das Berufsbild verbindlich festzuschreiben. ...

Inzwischen war aber eine jüngere Frau auf demselben Gebiet tätig geworden: Dr. Hildegard Holzer, geb. 1904. Sie hatte bereits während der Nazizeit im Seelsorgeamt der Erzdiözese Wien Kurse für Seelsorgehilfe geleitet und im Untergrund kirchliche Jugendarbeit betrieben. Sie gründete, gut vorbereitet, wenige Tage nach Kriegsende die zweijährige Wiener Diözesan­schule für Seelsorgehilfe und Caritas der Erzdiözese Wien. ... Pichl und die wesentlich jüngere Holzer standen zueinander in heftiger Konkurrenz. Bereits in der Zwischenkriegszeit gab es Unstimmigkeiten zwischen den beiden Frauen: Pichl hatte der studierenden Holzer die begleitende Ausbildung zur Fürsorgerin verweigert. ...

Die letzte bahnbrechende Tat Pichls war der Aufbau der Sozialpädagogischen Erzieherschule ab 1953. Sie wurde erst geschlossen, als zehn Jahre später das Institut für Heimerziehung ihre Aufgaben übernahm. Berta Pichl trat am 1. Jänner 1957 als Hofrätin in den Ruhestand und starb am 2. Februar 1966. Sie wurde im Familien­grab auf dem Hernalser Friedhof bestattet. 2007 ist die Benüt­zungsbewilligung für das Grab abgelaufen, die Markierung der Tafel deutet auf baldige Räumung hin. ...

Weitere Kapitel (S. 28 - 52)

Persönliche Erinnerungen der Autorin, die selbst Pichl-Schülerin war
Quellentexte
Literaturverzeichnis